LIBER TEZCATLIPOCA VEL SPECULUM FUMEUS

LIBER TEZCATLIPOCA VEL SPECULUM FUMEUS

Beitragvon Xephyr » Sa 30. Okt 2010, 18:08

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LIBER TEZCATLIPOCA VEL SPECULUM FUMEUS
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"Und die ersten Menschen, die geformt und erschaffen wurden, nannte man
die Zauberer des Tödlichen Gelächters, die Zauberer der Nacht, die Wilden,
die Schwarzen Zauberer... Ihre Stärke war Intelligenz, es gelang ihnen
alles zu wissen was es auf der Welt gab. Wenn sie sahen, dann erkannten
sie alles was sie umgab und sie kontemplierten den Himmelsbogen und das
runde Gesicht der Erde... (Und der Schöpfer sprach): "Sie wissen um
alles... was sollen wir nun mit ihnen tun? Lasst ihre Sicht nur zu
dem was nahe ist reichen, lasst sie nur ein Stück des Gesichts der
Erde sehen! ... sind sie nicht die einfachen Wesen meiner Schöpfung?
Müssen sie denn auch Gott sein?
[Popol Vuh der Quiche Maya]

TEZCATLIPOCA - DER RAUCHENDE SPIEGEL
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Tezcatlipoca war ein Sinnbild für Rücksichtslosigkeit und grenzenlose Macht. Unter den Mesoamerikanischen Azteken war Tezcatlipoca (wörtlich: Rauchender Spiegel) die furchterregende Gott-Form des Nachthimmels, der Schwarzen Magie und Zauberei, der Kriegsführung, der Versuchung und des Verrats. Er symbolisierte das genaue Gegenteil von dem was eine Gesellschaft (einschließlich der Azteken selbst) als heilig und richtig empfindet. Dennoch wurde er verehrt statt verdammt und erhielt einen der prominentesten Plätze des Mexikanischen Pantheons. Was könnte die Azteken dazu veranlasst haben soviel Wert auf Eigenschaften zu legen, die sie selbst als gefährlich und unangenehm einstuften und was sagt die Verehrung dieses Gottes über sie selbst aus? Möglicherweise war Tezcatlipoca die Projektion eines psychologischen Demiurgen, das was man auch den "Schatten" nennt.

LEGENDE UND GESCHICHTE
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Tezcatlipoca hinterließ seine erste Spur auf dieser Welt indem er die Erde schuf auf der die Menschen leben. Unter den Wellen des Ozeans existierte einst ein gigantisches Drachen-Wesen, das Tezcatlipoca an die Oberfläche zog, wobei er seinen Fuß als Köder nutzte. Als die Fänge der riesigen Seeschlange sich um seinen Fuß schlossen, renkte er ihren Unterkiefer aus und verhinderte so ihr erneutes Abtauchen. Es war ihr gebirgiger Rücken auf dem Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen wurden. Wie bei Seth ist auch Tezcatlipoca's astrologisches Symbol die Konstellation des Großen Bären, Ursus Major, der seinen einzelnen Fuß und seinen schiefen Kreispfad um den Stern des Nordens symbolisiert. (Der Stern des Nordens galt den Mesoamerikanern als heiliges Symbol der Reinheit und man glaubte Tezcatlipoca's unreine Natur würde ihn daran hindern den Stern jemals zu erreichen.)

Wir beobachten das erste Erscheinen Tezcatlipocas bei den Tolteken, deren weitreichendes Empirium der Ankunft der Azteken um wenigstens 300 Jahre vorausging. Seine Position bei den Tolteken lag in direkter Opposition zu dem, bei weitem älteren, Quetzalcoatl (wörtlich: "Gefiederte Schlange" - aber auch gleichzeitig: "Wertvoller Zwilling"), ihr oberster Chef-Gott der Lehre, Kultur und allen Früchten des Bewußtseins. Die archaische Mesoamerikanische Religion legte einen erheblichen Wert auf Dualismus und achtete in jedem Fall auf ein ausbalancierendes Element. Die Gott-Form des Toltekischen Tezcatlipoca Kultes wurde daher möglicherweise dadurch determiniert, daß der chronologisch ältere und mächtigere Gott Quetzalcoatl diese Anforderung alleine nicht erfüllen konnte.

Es kommt zuweilen vor, daß Kulte in Reaktion auf oder durch Vernichtung von anderen Kulten entstehen - ihre Kraft entspringt der Umkehrung der jeweils herrschenden Ethik und Moral. Als Beispiele für solche Bewegungen mögen einige heretische Sekten Islamischer Sufi gelten und die Kurdischen Yezidi-Stämme, deren Verehrung dem dämonischen Rebellen-Engel Iblis gilt oder die Ablehnung dominanter Hindu-Dogmen als ein fundamentales Prinzip des Indischen Tantra.

Nur äusserst selten werden diese "karnevalisierten" Religionen so groß, daß ihre Kulte die ursprünglichen Religionen zu überschatten vermögen. Dennoch sieht es so aus, als wäre genau dies zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Toltekischen Herrschaftszeit geschehen. Der Kult gewann die Unterstützung der militärischen Strukturen und Tezcatlipoca wurde der Schutzpatron und Gott des Krieges und der Kriegsführung. Entsprechend der damaligen Überlieferung war der Toltekische Herrscher auch gleichzeitig die Manifestation und irdische Inkarnation Quetzalcoatls und damit war ihm höchstes Ansehen und Verehrung unter den Toltekischen Bürgern absolut sicher. Solange Quetzalcoatl im Amt war, konnte Tezcatlipoca also keinen allzu großen Einfluß auf die Menschen nehmen und so entsann er betrügerische und hinterlistige Wege an die Macht zu kommen. Tezcatlipoca mischte anlässlich eines der höchsten heiligen Feste der Tolteken verschiedene Drogen und Aphrodisika in das Getränk des Quetzalcoatl worauf dieser vor versammelten Gästen eine Priesterin vergewaltigte. Wieder nüchtern überkam Quetzalcoatl die Scham und er floh aus dem Land. Nun war der Weg für Tezcatlipoca frei und sein Einfluß auf die Tolteken wuchs schnell.

Auch wenn diese Geschichte eher wie eine Legende klingt, so hat es doch zu dieser Zeit unter den Tolteken einen regelrechten spirituellen Staatsstreich gegeben bei dem Quetzalcoatl tatsächlich vertrieben wurde. Man schob auch die Schuld des späteren Niedergangs des Toltekischen Reiches auf die Intrigen Tezcatlipocas, der angeblich, nackt und blau und rot bemalt, die Königstochter mitten auf dem Marktplatz verführte und ihr so gezeugter Sohn, Huemac als späterer König die Tolteken in einen alles vernichtenden Bürgerkrieg führte.

Als Tezcatlipoca Jahrhunderte später von den Azteken adoptiert wurde, war seine Position höher als die der anderen Götter, inklusive der des Quetzalcoatl. Die wilde und brutale Art des Tezcatlipoca beeindruckte die Azteken, deren Glauben ihnen die Mission auferlegte durch Menschenopfer den Lauf der Sonne lebendig zu halten. Die Azteken hatten die Sonne als einen Aspekt Tezcatlipocas attributiert. Die Sonne gehörte jenem, der zu dieser Zeit herrschte und das war Tezcatlipoca als Personifikation des Zeitalters der Azteken, genannt die Fünfte Sonne. Und zu seinen speziellen Aufgaben gehörte die Rechtfertigung der Gewalt und der Grausamkeit zur Sicherstellung der angemessenen Opferriten.

DER SCHATTEN
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Psychologisch betrachtet weist vieles darauf hin, daß es sich bei dem Verhältnis der Azteken zu ihrem dunklen Gott um eine Schatten-Projektion handelte. Aus dieser Sichtweise heraus wäre der Schatten ein Teil des unterdrückten Selbst, das aus nicht gewünschten und verhassten Anteilen des Aztekischen Wesens bestünde.

Der Schatten umfasst den Teil des Menschen, den wir in der westlichen Kultur als "böse" bezeichnen würden und tatsächlich wurden (und werden) diese universellen dunklen Impulse von den westlichen Religionen als Aspekte des "Teufels" identifiziert.

Der Spanische Missionar Bernadino Sahagun aus dessen Aufzeichnungen das meiste unseres Wissens um die Aztekischen Kulte stammt ließ sicher keinen Zweifel an diesem Zusammenhang:

"Dieser bösartige Tezcatlipoca, den wir als Luzifer kennen, der große Teufel, der mitten im Himmel, schon von Anfang an, Krieg schürte, Verrat und Verderbnis."

In dem Versuch den unterdrückten dunklen Impulsen zu entgehen mag es geschehen, daß diese Kräfte auf Ziele gelenkt werden, die unsichtbar bleiben oder bleiben sollen. Während der Schatten darum kämpft sich zu manifestieren, kommt es oft zur Rationalisierung von Gründen warum dies auf diese Weise geschehen mußte. Ein Beispiel hierfür sind bestimmte Formen von religiösem Fanatismus mit rigidem moralischen Verhaltenskodex, deren Mitglieder jedoch vor Mord nicht zurückzuschrecken scheinen.

Eine andere Form des Manifestierens des Schattens ist die Dissoziation davon. Wenn Menschen ein anderes Wesen treffen, das einen Teil von ihnen repräsentiert den sie verabscheuen, dann reagieren sie auf dieses Wesen mit gesteigertem Affekt, oft sogar gewalttätig. In diesen Fällen sind diese Menschen ihrem "Spiegel" begegnet, der ihnen offenbart hat, was sie so dringend zu verdrängen suchten. Es reicht nur ein kleiner Kern, eine winzige Erinnerung an ihren eigenen Schatten um diesen nun in vollem Umfang und in oft völlig übersteigerterter Art und Weise auf das Gegenüber zu projizieren. Dieses gilt es zum Sündenbock zu stempeln und zu vernichten.

Der Schatten wird instinktiv mit der Nacht assoziiert, mit der Schwärze und der Dunkelheit und genau dies sind die herausragenden Charakteristika des Demiurgen Tezcatlipoca.

Trotz seiner beängstigenden Erscheinung ist aber nichts ursächlich "Böses" an dem Schatten und de facto ist dieser versteckte Aspekt des Selbst oft die Quelle des Humors, der Kreativität und der Imagination. Tezcatlipoca schenkte seinen Leuten die Trommel, das Flötenspiel sowie den Tanz und er stahl für die Mexikaner das Feuer aus der Unterwelt.

Der Schatten scheint erst die Unterscheidung zwischen uns und der Welt, zwischen Ordnung und Chaos, zu ermöglichen. Und da er immer nur einen Schritt weit von unserem Bewußtsein entfernt ist, dient er uns als Torwächter der Reiche des Weder-Weder.

DER AZTEKISCHE GEIST
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Auch die Azteken wahrten einen strengen Sinn für Dualismus, den sie in der Gottheit der getrennten Gegensätze Ometecuhtli verehrten. Dies war eine Philosophie, die ein Schwarz-Weiß-Denken regelrecht unterstützte. Ein strikter fast puritanischer Moralkode regelte und beschränkte insbesondere die Sexualität oder den Gebrauch von Drogen und selbst die kleinste Abweichung von den Gesetzen, etwa das Fremdgehen oder öffentliche Trunkenheit wurden mit dem Tode bestraft. Es gab bereits eine Vorstellung von Sünde, die der mittelalterlichen christlichen Begrifflichkeit sehr nahe kam. Im gleichen Maße wie die Azteken ihre Nachbarn überfielen und ausraubten stieg auch in ihnen ein Gefühl von Schuld und dies zog wiederum eine Anzahl von Reinigungsund Entschuldungsritualen nach sich. Wer war aber die Ursache, die Quelle ihrer Schuld? Es war Tezcatlipoca, das Schattenbild der Schuld schlechthin.

"Tezcatlipoca, die wahre Quelle unseres Tuns,
Er ist vielfältig, er ist stolz, er spielt mit uns.
Sein Wille ist sein Begehren. Er nimmt uns in seine
Hand, er macht uns rund und wir rollen, wir werden
wie Kugeln. Er wirft uns hin und her.
Wir machen ihn lachen und er macht sich lustig über uns."
[Nahuatl Gedicht, zitiert von Sahagun]

In dieser Form erscheint Tezcatlipoca als "Der-Uns-Auf-Der-Schulter-Hockt":

"Tezcatlipoca, fängt alle Gedanken und verdreht sie so, daß man tut
was man nicht wünscht und plözlich Böses denkt, ohne Anlass, wenn
man eigentlich verantwortliches, Gutes und Heiliges denken sollte."
[Zitiert von Spence]

Um die Wirkung der rigiden Moralität und den Konzepten von Schuld und Sühne auf den Aztekischen Schatten zu vervollständigen gab es den zentralen Glauben an die eigene Aufgabe für das Überleben der Welt verantwortlich zu sein. Die Azteken sahen sich selbst in einer speziellen Verantwortung gegenüber der Sonne, denn ohne ihr Zutun wäre es der Sonne nicht möglich am Himmel zu erscheinen wodurch alles Leben ein Ende finden würde. Um den Sonnenlauf am Leben zu erhalten schien es den Azteken notwendig Unmengen an Menschenopfern zu liefern, das Blut stammte von den zahllosen Kriegsgefangenen und Verurteilten.

Hier sieht man deutlich die Trennung im Aztekischen Denken: Auf der einen Seite waren sie sündige Sterbliche und Sklaven ihrer unbewußten Triebe (einer von Tezcatlipoca's Namen war Titlacahuan, also: "der, dessen Sklaven wir sind") und auf der anderen Seite waren die Azteken Agenten des Guten mit einer speziellen Mission alles Leben auf der Erde zu erhalten, also eine Rasse von Gott erwählter Menschen.

Die Konzentration auf die bewußten Ideale bei gleichzeitiger Verdrängung des "sündigen" Unbewußten ist ein fruchtbarer Boden für ein wachsendes Schatten-Selbst, die spezielle Mission für die Götter gab den Azteken eine regelrechte "Lizenz zum Töten" und getötet haben sie fürwahr und viel. Unzählige Menschenleben forderte der dunkle Kult der Azteken, alleine 20.000 Menschen wurden 1487 zur Weihe des Großen Tempels in Tenochtitlan abgeschlachtet.

Die meisten der Opferriten wurden zu Ehren des Gottes Tezcatlipoca abgehalten. Er war es, der das Blut dieser Menschen begierig trank.

TEZCATLIPOCA UND SEXUALITÄT
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Nur wenige natürliche Instinkte wurden gesellschaftlich so stark unterdrückt wie die Sexualität. Die Azteken verfügten über einen sexuellen Moralkodex, der an viktorianische Zeiten erinnert. Wer diese Gesetze Brach, war Tzintli (wörtlich: Dreck), ein besonders schlimmer Frevel. Tezcatlipoca war die Verkörperung der dunklen Seite der Sexualität, als geschickter Verführer nutzte er Sexualität als Waffe gegenüber seinen Opfern.

Die Überlieferung berichtet, daß diese dunkle Seite der Sexualität Tezcatlipoca auf diese Welt trieb. Er verführte nämliche die göttliche Jungfrau Xochiquetzal ("Köstliche Blume") und verschleppte sie in die Unterwelt. Da er auf diese Weise die Sünde in das Pantheon einführte wurde er - wie Luzifer - auf die Erde herabgestossen.

Später entwickelte er die Verführung als Werkzeug, das er zum Beispiel bei der erwähnten Machtübernahme des Herrschaftshauses von Quetzalcoatl so erfolgreich einsetzte. Er lockte die Tolteken in den Untergang als er sich als Händler der Huaxtec (diese waren damals für ihre sexuelle Leistungsfähigkeit berüchtigt) der Prinzessin näherte und sie in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz schwängerte. Ihr Sohn Huemac war es, der durch seine Machtübernahme den Bürgerkrieg auslöste, der das Ende der Toltekischen Herrschaft bedeutete. Manche sagen er gründete danach Tollan, manche behaupten er wäre vertrieben worden. Der letzte Herrscher der Tolteken hieß tatsächlich Huemac und er starb bei einem Aufstand.

DER FEIND
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Ein Teil der Funktion des Schattens ist es einen Feind zu schaffen. Anderen wird dabei die Umkehr der eigenen bewußten Werte aufgezwungen. Das kann soweit gehen, daß dem "Feind" Eigenschaften angedichtet werden, die er sicherlich nicht mal im Entferntesten aufweist. Es macht wenig Unterschied ob der Schatten dem Feind nun paßt oder nicht, solange es jemanden gibt den man für die eigene dunkle Seite beschuldigen kann. Dabei wird das bei Anderen dämonisiert, entmenschlicht und zerstört was das eigene Selbst in sich nicht wahrhaben kann oder will.

Folgerichtigerweise war der Titel von Tezcatlipoca bei den Azteken Yaotl, also der Feind. Es war seine Aufgabe Streit und Mißgunst zu säen, Konflikte und Krieg zu beginnen.

"Wann immer sich Teilnehmer an Debatten zerstritten und beleidigten und ein Krieg unausweichlich schien, war Tezcatlipoca für die Provokation verantwortlich. Sein Titel war daher Necoc Yaotl, der "Feind beider Seiten", was unterstreicht, daß sein Sinnen und Trachten der Uneinigkeit galt, nicht dem Vorteil einer Partei."
[Zitat Burr, 1979]

Tezcatlipoca war der Gott des Krieges und der Feindschaft aber er war kein Kriegsgott im herkömmlichen Sinne. Normalerweise ist ein Kriegsgott ein Aspekt der gemeinschaftlichen Stärke, den man evozieren kann Kampfesstärke zu erlangen. Tezcatlipoca repräsentierte hingegen das Prinzip des Krieges ohne einen Vorteil für die eine oder die andere Seite zu garantieren. Er war nur daran interessiert Uneinigkeit zu erzeugen und dafür zu sorgen, daß die Menschen in den anderen einen Feind zu sehen glaubten.

MIT DEM SCHATTEN REDEN
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Der Name Tezcatlipoca heißt "Rauchender Spiegel". Er stammt von einem Gerät, das gleichzeitig sein Symbol und sein Werkzeug darstellt. Ein runder Spiegel aus schwarzem Obsidian.

Tezcatlipoca nutzte seinen eigenen Spiegel um direkt in das Herz jedes Sterblichen sehen zu können, ihre innersten Gedanken und Geheimnisse erfahren zu können. Es war dieser schwarze Obsidian-Spiegel in den er Quetzalcoatl nach der Vergewaltigung der Priesterin schauen ließ um ihm dessen eigene monströse und widerliche Natur zu offenbaren, worauf Quetzalcoatl in Panik aus dem Königreich floh.

Alle Gerätschaften dieser Art wurden als Portale Tezcatlipoca's bezeichnet, Tore zu seinem Reich.

In den Händen eines Aztekischen Priesters wurde der Spiegel zu einem Instrument des Orakels. Nach der rituellen Vorbereitung starrte der Priester solange auf die Oberfläche des mächtigen Gerätes bis er in Trance fiel. Dann begannen die Visionen:

"Der Spiegel bewölkt sich und Schatten ziehen über seine Oberfläche."
[Nahuatl-Text, zitiert von Brundage]

Auf der schwarzen Spiegeloberfläche wird aus dem reflektierten Tageslicht dunkelste Nacht. Die Sonne wird zum Mond. Farben lassen sich nicht mehr unterscheiden, alles erscheint grau in grau wie auf einem Foto-Negativ. Das Gesicht der Person, die in den magischen Spiegel schaut erscheint dunkel und vage. Das reflektierte Gesicht des Priesters wird zu dem Gesicht von Tezcatlipoca selbst und die Manifestation des Schatten-Selbst wird nun vollzogen. Die Gott-Form Tezcatlipoca's wandelt sich zu Tezcatlanextia, der "Der-Einen-Dinge-Im-Spiegel-Sehen-Lässt" und das Schatten-Selbst führt das Bewußtsein in die Weder-Weder-Welt des Unbewußten hinter dem Spiegel. Dort offenbaren sich dem Priester die Geheimnisse der Zukunft und die verborgenen Gedanken der Menschen.

Die Azteken glaubten fest an ein Schicksal und diese Dinge wurden im Spiegel als Blick auf die unveränderliche Zukunft offenbar. Überlieferungen berichten, daß Motecuhzoma (Montezuma) selbst die Ankunft von Cortez und den Fall des Aztekenreiches Jahre vor der tatsächlichen Ankunft der Spanier in seinem Königstum in einem Obsidian-Spiegel vorhersah. In diesem Spiegel soll er seltsame, bärtige Männer gesehen haben, die auf dem Rücken von Hirschen ritten (man kannte keine Pferde). Er sah diese Wesen durch Mexiko ziehen, ihn und seine Götter vernichtend.

Interessant auch, daß ein Jahrhundert später dieser Spiegel eine Rolle bei der Zerstörung der Spanier selbst gespielt haben könnte, denn der Spiegel kam in den Besitz von Dr. John Dee, dem Chef-Okkultisten von Königin Elisabeth von England, die die Spanische Armada zerstörte und die Vorherrschaft der Spanier auf immer brach.

DEN SCHATTEN WILLKOMMEN HEISSEN
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Die Azteken hießen willkommen, was die meisten Kulturen unterdrückten. Sie tolerierten nicht nur die Schwierigkeiten, die der Schatten über sie brachte, sondern gaben dieser externalisierten Quelle innerer Angst und Widerstreits den höchsten Stellenwert. Dies war ein sehr ungewöhnlicher Angang an den Schatten: Sie sahen einen Wert darin.

Vielleicht mochten sie den Konflikt an sich und erkannten ihn als den Weg auf dem Widerstreit oft motivierend wirkt. Den Azteken war bekannt, daß Streit und Krieg eine stärkende Wirkung auf gesellschaftliche Systeme haben kann. Es ist aber auch möglich, daß ihre Fixierung auf Moralkodizes und Dualität ihnen erlaubte die Funktion von "nicht akzeptablem" Verhalten für eine Kultur zu erkennen, nämlich als Beispiel für vergleichendes Denken. So wie man sich den Tag am Besten als Gegeteil der Nacht vorstellen kann und man das "Böse" erst begreifen muß, um das "Gute" zu wollen.

SCHWARZE MAGIE UND DER SCHATTEN
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SCHWARZE MAGIE war das Spezialgebiet von Tezcatlipoca und er war bekannt als der Links-Händige Jaguar ("Opoche" heißt der Linkshänder). Die Azteken assozierten Linkshändigkeit mit Bösartigkeit und verbotener Zauberkunst. Jaguare waren ein Sinnbild für plötzlich auftauchende Gefahr und für dunkle geheimnisvolle Weisheit. Das Wort der Maya "Balam" heißt beides zugleich, Jaguar und Zauberer.

Durch die direkte Kommunikation der Zauberer mit dem Schatten erlangten sie einen ernormen praktischen Nutzen. Auf diese Weise öffneten sie Tore in Welten, die normalerweise fest verschlossen bleiben. Die schwarzmagischen Rituale der Rauchenden Spiegel schrieben vor, die Oberfläche des Spiegels wie die Oberfläche eines schwarzen Sees auf dem Nebelschwaden treiben zu sehen. Der Zauberer versenkt sich in diesen See und sinkt in völliger Schwärze bis auf den Grund.

Die Dunkelheit ist der Schutz des Magiers und das Einzige was seinen Verstand vor dem Wahnsinn abschirmt, der mit einem plötzlichen Wahrnehmen des Antlitzes Tezcatlipoca einhergeht. Der weise Magier wird also nicht zu schnell vorgehen, sondern sich geduldig an die Sache heranwagen. Es ist lohnenswert, aber es ist auch gefährlich.

Die Überlieferung kennt eine Gott-Form von Tezcatlipoca, die sich "Nacht-Axt" nennt und sich in den dunkelsten Wäldern manifestiert. Wer zufällig in der Nähe ist, hört Geräusche als würde jemand Holz hacken und wird eines faden Lichtes aus dieser Richtung gewahr. Wenn der Neugierige dem Licht folgt, wird er bald bemerken, daß es sich nicht um einen nächtlichen Holzfäller handelt. Denn es ist Tezcatlipoca in Form einer halbverwesten Leiche oder eines verotteten Skeletts, seine Augen brennen in einem widernatürlichen Licht und die Zunge hängt ihm aus dem grinsenden Mund. Das hackende Geräusch aber stammt aus seinem Brustkorb, der sich wie eine Bärenfalle öffnet und schließt und darin erkennt man ein lebendiges und schlagendes menschliches Herz.

"Nur diejenigen, die es wagten sich weiter zu nähern und mit ihrer Hand das Herz zu ergreifen durften darauf hoffen ihr Leben und ihren Verstand zu retten. Wenn sie den Mut hatten, die Erscheinung herauszufordern und dessen Herz zu nehmen, als wäre es ihr eigenes, dann würden sie Stärke, Wohlstand und Kraft finden. Anderenfalls wären sie verloren."

Die Azteken kannten auch eine Manifestation von Tezcatlipoca benannt als Tloque Nahuaque ("Immer da, immer nah") und Yohualli Ehecatl ("Nacht und Wind" oder "Unsichtbar und Unberührbar"). Ungewöhnlich war, daß diese Manifestationen weder bei den Tolteken noch bei den Azteken jemals ein Gesicht hatten, sie hatten keine Form.

Diese Abstraktheit bewahrte Tezcatlipoca vor jeglicher Form von traditioneller Anbetung. Der einzige Tempel, der dieser Manifestation Tezcatlipoca's als Tloque Nahuaque / Yohualli Ehecatl gebaut wurde, stand in der Stadt Tezcoco und wurde von dem berühmten Poeten und König Nezahualcoyotl errichtet. Es war eine schwarze Pyramide mit Sternen auf dem Altar und absolut einzigartig - da sie die einzige Pyramide ohne Bilder einer Gottheit war.


Autor: Xephyr

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