Rolang Dojeh-o-Dohi

Rolang Dojeh-o-Dohi

Beitragvon Xephyr » Sa 30. Okt 2010, 18:17

"Und viele allerorten sah'n
Das dürre Abbild, wie es schlich
Als Schatten seiner selbst, bis dann
Die Qual des Seins zu vernichten sich
Das Opfer schreiend zwang."

[Percy Bysshe Shelley]

Ich werde oft nach dem tibetischen Buddhismus gefragt. Das Interesse mag daran liegen, dass diese Form des Buddhismus soviele schamanistische und magische Elemente in sich traegt. Warum ist dem eigentlich so?

Unter den ursprünglichen Bewohnern Tibets gab es mächtige Zauberer, die Boen-Po. Als buddhistische Krieger das Land eroberten töteten sie alle Boen-Po, sorgten aber dafuer ihr Wissen vorher zu erpressen. Wir wissen von den Boen-Po direkt nur wenig; da sie die Schrift nicht kannten, ist auch nichts überliefert. Aber es gibt einige Klöster in Tibet, die geheime Schriftrollen aufbewahren, die ihrerseits direkte Transkripte damaliger Befragungen und Beobachtungen sind. Durch meine berufliche Beschäftigung mit den spirituellen und magischen Aspekten der tibetischen Sandmalerei ergab sich fuer mich die Gelegenheit auch diese Transkripte kennen zu lernen. Ich beschreibe hier ein Ritual, daß Rolang genannt wird um einen kleinen Eindruck der Boen-Po Magie zu vermitteln.

Rolang heißt uebersetzt: "Die Leiche steht auf." Zartbesaiteten Gemütern lege ich nun nahe mit dem Lesen aufzuhören. Dies ist keine Licht-und-Liebe Esoterik mehr, sondern reiner schamanistischer Okkultismus! Es gibt viele Arten von Rolang. Grong Hjug (sprich: 'Trong Jug') ist die bekannte Form, bei der jedoch der Leichnam durch den Geist des Zauberers besetzt wird. Sobald sich dieser zurückzieht, ist auch der Leichnam wieder tot. Der Rolang, den ich beschreibe, reaktiviert den ursprünglichen Geist des Toten unter dem Willen des Boen-Po.

Der Zauberer schliesst sich mit der Leiche in einem dunklen Raum ein. Er legt sich auf den Körper des Toten und rezitiert eine bestimmte magische Formel (dojeh-o-dohi) Mund-zu-Mund, wobei er den Leichnam fest umklammert hält. Die Intensität der Intonation steigt schnell an bis der Tote anfängt sich zu bewegen: Zunächst öffnen sich die Augen. Dann tritt Bewusstsein in den gebrochenen Blick. Der Zauber hält die Leiche jetzt mit seinem ganzen Gewicht am Boden und verstärkt die Kraft seiner Magie unbeirrt. Nun beginnt der Körper sich heftiger zu wehren. Er springt und schnellt auf erstaunliche Höhen, wobei er den Zauberer, der sich mit seinen Händen an ihn klammert, mitreisst. Während der ganzen Zeit rezitiert der Boen-Po, Mund-zu-Mund, die magischen Worte. Schliesslich tritt der kritische Moment ein: Die Zunge des Toten tritt aus seinem Mund hervor. Der Zauberer beisst ihm sofort die Zunge ab und der Leichnam bricht augenblicklich zusammen. Ein Fehler des Boen-Po zu diesem Zeitpunkt bedeutet für ihn den sicheren Tod.

Die Zunge wird vorsichtig getrocknet und ist ein mächtiges kampfmagisches Untensil (phurba), das - nicht zuletzt - über den nun Untoten gebieten kann.

Das Phurba dient u.a. auch der Dämonologie: Bei einem weiteren schamanistischen Boen-Po Ritual steigt die Göttin beim 'Roten Mahl' von ihrem Schwert und enthauptet den Aspiranten. Sein Kopf dient den Daemonen zum Frass. Aber nur wenige hoch-initiierte Zauberer kennen das von Dämonen so gefürchtete 'Schwarze Mahl', bei dem das Zungen-phurba ebenfalls die entscheidende Rolle spielt.

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