Vom magischen Karmabegriff

Vom magischen Karmabegriff

Beitragvon Xephyr » Sa 30. Okt 2010, 18:35

"Triffst du Buddha unterwegs - dann töte ihn!"
[Roshi-Spruch]

Jeder hat den Begriff des Karma schon mal irgendwann gehört und wird auch sicherlich die eine oder andere Erklärung dafür gefunden haben. Dies also nur zur Erinnerung:

Der Begriff Karma entstammt asiatischen Religionen, dem Hinduismus und Buddhismus. Etymologisch läßt sich Karma (oder Kamma) auf die Sanskritwurzel "kr" zurückführen und das bedeutet "tun". Karma heißt also die "Tat", bezeichnet aber nicht, wie oft fälschlicherweise in der westlichen Kultur vermutet, nur das Gesetz von Ursache und Wirkung der Taten, sondern es geht vielmehr um die Auswirkung vorbedachten Wollens. Dieser absichtsvolle Wille nennt sich Karma und trägt, laut der religiösen Lehre, in sich die Kraft die kleinsten Bestandteile des Entstehens und Vergehens der Welt zu bewegen, die Dharmas, vorstellbar als Energieimpulse, die ihren Namen von der "Dharma" genannten Lehre Buddhas haben. (S.a. Anagarika Govinda, Tradition des Abhidharma, Wien 1980)

Für die Magie ist der Begriff des Willens natürlich interessant, insbesondere die Thelemiten werden aufhorchen (Thelema = griechisch für Wille). Denn Karma wird durch Samskara erschaffen, eine der fünf Skandhas der Abidharma Theorie. Mit Samskara sind sämtliche Willensregungen gemeint, über fünfzig werden einzeln benannt. Buddha sagt im Anguttara Nikaya: "Wollen, o Mönche, das nenne ich tun." Was Buddha damit meint ist: Jeder Akt des absichtsvollen Willens speichert Energie, das heißt es wird Karma geschaffen. Und damit natürlich Leben. Solange der Mensch einen Willen hat, er etwas tut, solange lebt er. Ist sein Karma aufgebraucht, stirbt der Mensch.

Zusammengefasst bedeutet das: Alle Lebensregungen werden als Energiereservoir gespeichert, erzeugen also Karma, wodurch neue Energievorgänge in Gang gesetzt werden, die auf impulsartigen Schwingungen, den Dharmas, beruhen, deren komplexe Struktur durch momentane Verdichtungen die Illusion der festen Materie, also unserer Welt, entstehen läßt, in der wir uns bewegen und dabei entsprechend dem Wirken der Skandhas neues Karma für künftige Entwicklungen anhäufen, während wir das alte Karma verbrauchen. Dabei gilt: "...was einer tut, dadurch wird er wiedergeboren, und wenn er wiedergeboren ist, dann berühren ihn die entsprechenden Berührungen" (Glasenapp). Vereinfacht ausgedrückt: Wer Leid zugefügt hat, muß Leiden ertragen, wer geholfen hat, dem wird geholfen.

Für die Magie gilt: Magier häufen Karma in ungeahnten Mengen an, erzeugen ein überdurchschnittliches Maß an Lebensenergie und speichern diese Energie. Die dynamische Lebensauffassung der Magie scheint jedoch in direktem Wiederspruch zu der eher lebensfeindlichen und dem Tode zugewandten Jenseitslehren der o.g. Religionen und ihrer Karma-Auslegungen zu stehen.

Ohne die Esoterik, ohne die Theosophische Gesellschaft um Helena Blavatsky, wüßten wir ohnehin wenig von Karma. Die westliche Esoterik hat sich eine reichlich pietistische Auslegung des Karma-Begriffes geschaffen, wo man erwartet für gute spirituelle Taten und Tugenden auch entsprechend vom Leben belohnt zu werden und andersherum, wenn man anderen Schaden zufügt, diesen Schaden in Form von Unglücken "heimgezahlt" bekommt (Wicca: Das Gesetz der dreifachen Wiederkehr).

Es wurde schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß, da die Karmalehre von einem sehr (selbst-)gerechten Weltgesetz ausgeht, es dort kein unverschuldetes Leiden geben kann. Wer im Krieg oder im KZ litt, wer krank ist, ist selbst schuld, weil er in einem früheren Leben "schlechtes" Karma angesammelt hat. Dieses menschenverachtende Weltbild mag symptomatisch für weite Kreise selbstgerechter Gutmenschen aus Esoterik und Licht-und-Liebe-Szenen sein, der Magie sind solche Ansichten fremd und werden von unser daher in den Bereich der Religionen und Esoterik verwiesen.

Des weiteren trennt die Karmalehre die Seele sehr stark vom Körperlichen und von der Gefühlswelt, was ebenfalls typisch für Religionen ist. Dadurch wird der Mensch gespalten. Eine ganzheitliche Sicht des Menschen ist nicht mehr möglich. Nun ist aber gerade das Ganze, das Holistische, das Ziel der Magie! Die Karmalehre ist auch in diesem Punkt nicht mit Magie vereinbar.

Schließlich geht die Karmalehre vom Kausalitätsprinzip als Denkmodell aus, Die Magie interessiert sich aber weniger für direkte Kausalitäten, wie zum Beispiel die Newton'sche Mechanik. Das überlassen wir gerne den Maschinenbaustudenten. Im Ernst: Magie überschreitet Grenzen! Statt sich von religiösen Karma-Kausalitäten festnageln zu lassen, haben wir uns den Synchronizitäten zugewendet, wir verfolgen lieber biologische, kybernetische, systemische und chaotische Ansätze.

Die Karma-Mechanik hat - und damit will ich diesen kurzen Ausflug in die hier Off-Topic-Gebiete Esoterik und Religion gerne beenden - in neuerer Zeit einen unheilvollen Bruder bekommen: Die Reinkarnationslehre. Diese geht von einer kosmischen Kraft aus, die fehlerhafte (sic!) Menschen bestraft. Daher müsse der Mensch, so die Reinkarnationstherapeuten, die Chance haben, einen zweiten und dritten Versuch eines angeblich geglückteren Lebens zu starten. Da man solche komplizierten Aktionen wie die Reinkarnation natürlich nicht dem Zufall überlassen darf, dienen sich, wer hätte das gedacht, natürlich allfällig kostenpflichte Helfer an, um das Springen von einem Körper zum nächsten zu ermöglichen. Ein Kommentar dazu erübrigt sich dann wohl, wie ich meine.

Xephyr

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