Dem Wahren, Guten, Schönen, Ganzen

Dem Wahren, Guten, Schönen, Ganzen

Beitragvon Xephyr » Sa 30. Okt 2010, 18:44

"Indessen schritt sein Geist gewaltig fort
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schoenen,
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lag, was uns alle baendigt, das Gemeine."
[Goethe: Strophe aus dem Epilog zu Schillers Glocke]

Immer wenn Kultur in Begrifflichkeiten des "Wahren, Guten,Schönen" ausgedrückt wird, dann habe ich das Gefühl es würde mir etwas fehlen, denn für meine Begriffe besteht Kultur immer aus vier Parametern und nicht nur aus den drei oben Genannten. Um herauszufinden welcher Teil der Kultur uns da unterschlagen wird, wollen wir einmal annehmen, daß mit dem "Wahren, Guten, Schönen" die Ziele einzelner kultureller Disziplinen gemeint wären und versuchen uns an einer möglichen Zuordnung.

Das "Wahre" erscheint mir als Zieldefinition der Wissenschaften, denn die Suche nach absoluter Wahrheit ist ihr höchstes Prinzip. Wobei ich annehme, daß letztendlich eine absolute und objektive Wahrheit sich entweder mit dem Common Sense oder mit dem Glauben an die Funktionalität und Aussagekraft von Meßgeräten zufriedengeben muß.

Das "Gute" sehe ich im Weiteren als Ziel der Religionen, die das Gute gerne mit Gott verknüpfen und sich zusammen mit den Wissenschaften dadurch gruppieren, daß auch die Religionen auf der Suche nach Wahrheit sind, solange sich diese mit dem Guten, also Gott, vereinbaren läßt.

Die erste Gruppe kultureller Parameter scheint also aus Religion und Wissenschaft zu bestehen. Ich hatte ja auch schon an anderen Stellen erwähnt, daß ich glaube, daß Wissenschaft immer aus Religion hervorgeht. Die aufklärerische Wissenschaft befreit den religiösen Menschen von dem nicht zu gewinnenden Kampf gegen das Böse, indem sie das Postulat des guten Gottes durch das Postulat der absoluten Wahrheit ersetzt. Natürlich wiederlegt ein physikalisches Experiment nicht die Möglichkeit einer spirituellen Ursache, aber man hat zumindest die Wahl - und damit wird die Existenznotwendigkeit eines Guten, respektive Gottes, unnötig gemacht.

Insofern hat Wissenschaft entschiedene Vorteile gegenüber der Religion, ich möchte aber betonen, daß eine Entwicklung von Wissenschaft ohne Religion mir nicht möglich scheint, im Gegenteil, Wissenschaft muß sich an ihren religiösen Vorbildern und Vorgängern orientieren und ersetzt deren Gott des Guten durch ihren "Gott" der absoluten materiellen Wahrheit. Ich bin der Meinung, daß dadurch Wissenschaft nicht wirklich weniger metaphysisch als Religion wird, denn die Sprüche der Religionen von "den Wundern von Gottes Schöpfung" werden einfach abgelöst von der wissenschaftlichen Präsentation von "ich glaube nur was ich sehe/messe"-Physik-Experimenten einer eigenen Schöpfung.

An dritter Stelle des "Wahren, Guten, Schönen" steht das Schöne. Es ist dies nun offensichtlich das Ziel der Kunst. Damit haben wir unsere drei genannten kulturellen Parameter entschlüsselt und können vermuten, daß hier behauptet wird, Kultur bestünde (nur) aus Wissenschaft, Religion und Kunst. Wie ich bereits Eingangs andeutete fehlt mir dabei etwas und das ist natürlich die Magie!

Magie hat als oberstes Ziel die Ganzheitlichkeit und steht damit im Kontrast zu trennenden und teilenden Bewegungen. Die Zahl des Magus, als Personifikation der Magie, ist die Eins und damit die Vollständigkeit und die Vollkommenheit. Das Ziel der Magie ist also das Ganze und ich ergänze (sic!) unseren Satz der kulturellen Parameter nun entsprechend auf

"Dem Wahren, Guten, Schönen, Ganzen".

Man fragt sich natürlich warum ist die Magie bei der Nennung der kulturellen Bestandteile unterschlagen worden? Es gibt sicherlich viele Gründe aber einen davon finde ich besonders interessant. Es gibt nämlich eine Parallele zu den Geschehnissen um die Tetragrammatonformel "YHVH", die in ihrer Jüdischen Urform noch die schöne Interpretation als vollständige Familie zuließ. Also Yod als Vater, Heh als Mutter, Vau als Sohn und das End-Heh als Tochter. Mit der Adaption der Jüdischen Religion durch das Christentum wurde dann ein Shin, wie ein Keil, mitten in das Tetragramm gepresst und es entstand zunächst "YHShVH", vokalisiert Joshua (kurz: Jesus) und in der Folge wurde durch den prominenten Sohn aus der Heiligen Vierer-Familie von ursprünglich Vater, Mutter, Tochter und Sohn, eine Heilige Dreieinigkeit von Gott (Vater), Heiliger Geist (Mutter) und Sohn. Was dabei wegfiel war die Tochter, das End-Heh.

Ist es möglich, daß unsere kulturellen Aspekte des "Wahren, Guten, Schönen, Ganzen" auf YHVH zurückführbar sind? Könnte Yod, der Vater, die Wissenschaft bedeuten, Heh, die Mutter, das Gute sein und Apollo, der Schöne, etwa der Sohn sein? Dann wäre die Tochter, die Ganzheitlichkeit, nicht nur aus der Religion ausgemerzt worden, sondern es hätte auch den Versuch gegeben, sie komplett aus der Kultur zu löschen. Und dann wäre auch die Magie weiblich, eine junge Frau: Diana, Sophia, Anima, Babalon. Ein wirklich interessanter Gedanke und ich habe beschlossen diesen Gedanken nicht zu bekämpfen,
sondern ihn einfach zu erfühlen.

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Re: Dem Wahren, Guten, Schönen, Ganzen

Beitragvon Xephyr » Sa 6. Nov 2010, 17:01

So beeindruckend sind diese Experimente in den Laboratorien der Welt, daß man sie einfach als ultimative Antwort anerkennen will. Es gibt keinen Gott und der rationale Materialismus hat scheinbar gesiegt. Aber es gibt etwas jenseits dieser angeblichen Wahrheit. Obwohl der Schwerpunkt, den die Wissenschaften auf Vernunft legen, zunächst als höchst befriedigend gegenüber den eher als "versponnen" wahrgenommenen Konzepten des Geistes wirken mögen, ist das menschliche Gehirn doch sehr wohl zu spekulativer und relativistischer Abstraktion fähig. Es wird daher immer ein Teil von uns unbefriedigt mit reinem Materialismus bleiben und dieser Teil begibt sich auf die Suche. Da die Wissenschaft mit spirituellen Zielen wenig anfangen kann, wird dies eben eine Suche nach Wahrheit sein. Und das macht die Wissenschaft zu einer Fortsetzung der ursprünglichen spirituellen Suche - nur, daß die ultimative Realität nicht mehr Gott, sondern Wahrheit genannt wird.

Und genau diese Suche nach Wahrheit dient der Unterminierung des Anspruchs der Wissenschaft auf Vernunft und Rationalität, denn absolute Wahrheit ist mindestens genauso schwer faßbar und abstrakt wie Gott. Die Wissenschaft mag behaupten, daß Liebe nur durch "Chemikalien im Kopf" gesteuert wird - und sie benötigt für den Beweis ihrer Aussage komplexe und teure Laborausstattungen, während die tatsächliche und wirkliche subjektive Erfahrung der Liebe in ihrer Intensität leicht jede weitere Frage erübrigt. Die Erklärungen der Wissenschaftler klingen dann in unseren Ohren ähnlich abgehoben, weltfremd und arrogant wie die Erklärungen eines Priesters wenn er von den "Versuchungen Satans" predigt.

Und genau hier kommt die Magie in's Spiel!

Denn die subjektiv erfahrene Weltsicht ist - im Gegensatz zur objektiven Wahrheit oder der Frage nach dem was nun "wirklich" auf irgendeiner molekularen oder subatomaren Ebene abläuft - die Domäne der Magie.

Wenn Versuchspersonen in Laboratorien in Blindversuchen mit Meßinstrumenten verkabelt werden, Placebos schlucken und ihre Gehirnströme abgelesen werden, dann wird der gläubige Wissenschaftler die Ergebnisse als "real" beurteilen. Aber was bringt mir das, wenn diese Ergebnisse völlig meinen persönlichen Erfahrungen wiedersprechen?

Die Menschen werden etwas brauchen, daß ihre täglichen Erfahrungen besser wiederspiegelt und sie werden es in der Magie finden, ob sie das nun zugeben oder nicht. Die Wissenschaft wird sich in immer komplizierteren analytischen und theoretischen Forschungen verspielen, während die Magie sie überholt durch den Einsatz von Komplementen, Korrelationen und Affinitäten, die schnellere und bessere Resultate im Angesicht chaotischer und komplexer Systeme bringen.

Die Wissenschaft mag vielleicht ebenfalls solche Affinitäten entdecken, sagen wir mal eine Koinzidenz bei der Verwendung fossiler Brennstoffe und globaler Erwärmung - aber es ist die Magie die ein schnelles Resultat durch sofortige praktische Verringerung des Verbrauchs an fossilen Brennstoffen erreicht. Während die Wissenschaftler, die Meister des betonköpfigen Realismus, die auf weitere Jahre Forschung bestehen, auf Tests und Analysen um exakte Kausalketten determinieren zu können, nun zu den "Spinnern" in den Augen der Öffentlichkeit werden.

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