Quis ut Deus - Der Abyssos in der Hochmagie

Quis ut Deus - Der Abyssos in der Hochmagie

Beitragvon Xephyr » Sa 6. Nov 2010, 18:35

Man könnte den hebräischen Namen "Michael" ins Deutsche als "Wer ist wie Gott" (Quis ut Deus) übersetzen. Dieser Name ist der Schlachtruf der Engel gegen das Böse und dieser Name ist der Name eines für unser Thema wichtigen Erzengels. Der Erzengel Michael ist der "Erzgeneral" (Archistrategos) Gottes, er ist ein mächtiger Krieger.

Für die Hochmagie ist Michael deshalb so wichtig, weil sein Aufenthaltsort über dem Abyssos ist, genauer gesagt über Daath. Niemand kommt an dem Kontakt mit dem "Wächter des Lebensbaumes" (Genesis 3:24) Michael vorbei, egal ob er den Pfad des Mystikers geht, also den senkrechten Weg die "Wirbelsäule" des Lebensbaumes aufsteigt, oder ob er den Schlangenweg der Magier nimmt.

Der Erzengel Michael ist der Drachentöter (Apokalypse 12:7). Er ist wie ein archetypisch voreingestellter Aspekt unseres Selbst, der damit beauftragt wurde, ihm gefährlich erscheinende "Päckchen" zu erschlagen und zu zerstören. Gemäß diesem Auftrag muß Michael richten können, er trägt daher oft eine Waage in einer Hand und weist sich damit ebenso als Teil des Jüngsten Gerichts (im AC-Tarot: Das Aeon) aus, wie er auch an Thoth und Maat erinnert. In seiner Funktion als Richter erkennt er das "Böse" daran, daß etwas wie eine Schlange daherkommt oder - noch böser - wenn es wie eine geflügelte Schlange, ein Drache, aussieht.

Die Juden haben in Michael noch den reinen Feldherren gesehen, das Böse waren für sie ihre Nachbarn, ihre Kriegsgegner. Aber schon bald wurde Michael mehr und mehr als Kämpfer gegen Krankheiten gefeiert, er wurde der "Arzt des Himmels". In den nördlichen Breitengraden trat Michael mit der Christianisierung die Nachfolge Wotans an.

Ich erwähnte bereits die wortwörtliche Schlüsselstellung Michaels für die Hochmagie und die Mystik, denn Michael ist der Wächter der höchsten Triade. Der Mystiker, der sich direkt am Stamm des Lebensbaumes emporschlingt, wird von Michael beim Überqueren des Abyss den Kopf gespalten bekommen, wobei sich Kopf und Körper der Schlange teilt, ein Kopfteil manifestiert sich daraufhin bei Binah und ein Kopfteil bei Chokmah. In der Mitte des aufgeschlitzten Körpers der Mystiker-Schlange kann man - als Sonnenscheibe - Tiphareth erkennen, eine Darstellung, die auch aus dem alten Ägypten bekannt ist.

Der Magier sieht sich mit anderen Voraussetzungen konfrontiert als der Mystiker. Bei Chesed stellt er sich der Abyssos-Überquerung mit dem festen Willen die Vollkommenheit zu erreichen. Dazu hat der Adept an seiner Vollständigkeit, an seinem Selbst, hart gearbeitet. Es liegen etliche schwere Jahre der aktiven Selbstfindung hinter ihm und AC's Aufforderung die Schlange oder die Taube zu wählen, hat der angehende Meister des Tempels - bewußt oder unbewußt - bereits mit dem Schmieden des Ouroboros beantwortet. Das, was sich da aufschwingt den Abyssos zu überqueren, ist dem Selbst sehr nahe, es trägt als Symbol des "Ipse" den Körper der Schlange und die Flügel der Taube. Das was aber der Erzengel Michael über Daath auf sich zukommen sieht, sieht für ihn aus wie ein böser blasphemischer Drache. Er packt also seine Lanze und stürzt sich mit seinem berühmten Schlachtruf "Micha-El?" auf das vermeintlich gotteslästerliche Gewürm.

Wir sollten - um die dramatische Szene über dem Abyssos besser betrachten zu können - ein paar Schritte zurückgehen. Denn mit einem weiteren Überblick sieht man sehr leicht, daß alle beteiligten Aspekte, sei es der Drache oder der Erzengel Michael, Teile des selben Systems sind. Und dieses System attackiert sich offensichtlich selbst!

Umso erstaunlicher mögen die Vorgehensweisen der etablierten großen Orden an dieser Stelle wirken. Einige der sicherlich bedeutendsten okkultistischen Geheimbünde der Neuzeit, empfehlen ihren Adepten den Drachen zu töten. M.a.W. der Adept entscheidet sich dafür den Schwerpunkt seines Seins auf den Drachentöter zu legen, mithin zu Michael zu werden. Diese Entscheidung hat dramatische Folgen für das Selbst, denn tödlich getroffen stürzt der Drache, der Ouroboros, Sinnbild des apperzeptierten und geliebten (Raub-)Tieres, nach Malkuth und sein Blut tränkt die Erde. Was von dem Adepten übrig bleibt und schließlich Binah erreicht, ist nicht mehr als sein Ego. Und es kann daher kein Wunder sein, daß diese Orden keinen wirklichen X° Grad mehr hinbekommen, denn dieser Grad soll ja schließlich das Selbst erhöhen. Das Selbst des Magister Templi liegt aber zerschmettert bei Malkuth, der negative und wirkungslose Effekt der Erhöhung des für ein Selbst substituierten Egos ist uns ja aus der gängigen Hochmagie hinreichend bekannt.

Xephyr

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