Sigillenmagie nach Austin Osman Spare

Eine kleine Sammlung zu oYos Lieblingsthemen

Sigillenmagie nach Austin Osman Spare

Beitragvon oYo » Mi 29. Dez 2010, 14:35

Quelle: Das Buch der Freude
(Selbstliebe)
Die Psychologie der Ekstase
von Austin Osman Spare
(Ich verwende hier bewußt Begriffe und Sprachformulierungen von Spare, um einen Eindruck seines Denkens zu vermitteln. Die Zitate sind in kursiver Schrift geschrieben und stammen alle aus dem 'Buch der Freude'.)

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Kia und die Welt der Dualität und des Glaubens

Spare war ein Freidenker seiner Zeit, ein Künstler und Magier, der sich nicht nach den Normen und Vorstellungen anderer Magier richtete und keinem Orden angehörte. Doch trotz seines Freidenkertums findet man in seinen Vorstellungen und Theorien die Faszination der östlichen Philosophie wieder, die vor allem durch Blavatsky Einzug in die westliche Magieszene gefunden hatte. Sein Weltbild beruhte auf der Vorstellung der Dualität und des Seins jenseits aller Dualität: das Kia. Er war der Begründer der Sigillenmagie, die er in dem 'Buch der Freude' vorstellt.

Nach Spare lebt der Mensch in einer Welt der Dualität. Das Bewußtsein kann die Welt nur in Gegensätzen begreifen: denkt man Mann, so denkt man automatisch Frau, denkt man Geschlechtsloser, so denkt man automatisch Hermaphrodit. Darum bleiben auch Überlegungen und Theorien über das Selbst stets im Widerstreit gefangen, das duale Denken und Nachdenken verstärkt die Gegensätze sogar noch und führt nicht zu dem gewünschten Ziel - das Selbst selbst - sondern davon weg. Diese Welt der Dualität wird gestützt und verstärkt durch den Glauben, durch Glaubenssätze, die im Unbewußten verankert sind und uns tagtäglich beeinflussen. Der Glaube ist ein gesellschaftlicher, moralischer, religiöser, wissenschaftlicher, politischer, sozialer Glaube, d.h. wohin auch immer man sich wendet, wird man mit diesen Glaubenssätzen angefüttert.

Das Kia hingegen ist die absolute Freiheit in jedem Augenblick, die Freiheit von Dualität und Glauben. Es ist der Archetyp des Selbst, das unmodifizierte "Ich" in der Wahrnehmung des Allgegenwärtigen. Beim Versuch der (gedanklichen) Aufhebung von Dualität kommt man zum Weder (weder das eine noch das andere), das in sich auch ein Konzept ist und aufgrund der Dualität des Bewußtseins automatisch ein weiteres Weder erzeugt. Darum bezeichnet Spare die konzeptionelle Annäherung an das Kia auch oft als Weder-Weder.

Beständiges Nachdenken über das Selbst führt also zu inneren Konflikten, stets bezieht man Position, um die eine oder andere Seite zu vertreten. Darum fordert Spare, in dieser Welt der Dualität immer zu lachen, alles anzuerkennen und keinen Widerstand zu leisten. Nur durch Nicht-Widerstand können die dualen, widerstreitenden Gedanken und Überlegungen reifen und verfallen, so daß sich der Widerspruch auflöst und die ursprüngliche Einheit und Einfachheit wieder hervortreten. Nicht-Widerstand bedeutet ein Macht nichts - Erfreue dich selbst. Daraus folgt ein Zustand ohne Konflikt oder Zwang, jenseits von Konzeption. Das Ich ist im Zustand des Macht nichts - Muß nicht sein. Außerhalb davon gibt es nichts, es ist allein ewig und vollkommen, wahre Freiheit und Existenz. Das ist der Zustand der Ekstase, Wohnort von Kia, Befreiung von Dualität und Zeit. Hier gibt es kein Leid mehr und jeder Wunsch wird sich erfüllen, alles wird wahr, was man glaubt und wünscht. Kia ist also die höchste Glückseligkeit, die Kunst der Selbstliebe, die Psychologie der Ekstase durch Nicht-Widerstand.

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Die Todesstellung

Um diesen Zustand erreichen zu können, beschreibt Spare die Todesstellung. Die Todesstellung ist das Ende der Dualität des Bewußtseins, der Tod des Glaubens. Mit der Todesstellung meint er aber weder den Schlaf noch den wirklichen Tod. Diese begreift er als Erholung von der Gebundenheit an das Gesetz. Die Todesstellung hingegen ist die Aufhebung des Gesetzes. Der Glaube ist tot, der Zustand des Weder-Weder erreicht. Das ist die Wiederherstellung der neuen Sexualität und die ursprüngliche Selbstliebe in Freiheit, die Emotion des Lachens und der Ekstase.

Spare empfiehlt, die Todesstellung täglich zu üben, bis diese Emotion beständig wird, sich in das Sein des Menschen integriert und man das Zentrum seines wahren Verlangens erreicht hat. Folgendermaßen kann man die Todesstellung erreichen:

1. Zunächst starre dein Spiegelbild solange an, bis es vor deinen Augen verschwimmt und verschwindet. Dann schließe die Augen und betrachte die leuchtende Form, die du nun siehst. Allmählich stellt sich ein Gefühl von Unermeßlichkeit ein.
2. Als nächstes stelle dich auf die Zehenspitzen, Hände hinterm Rücken verschränkt, Kopf im Nacken, aufs äußerste angespannt. Atme tief und krampfartig, bis Schwindel und Erschöpfung auftreten.
3. Jetzt lege dich entspannt auf den Rücken, lächle, sei im aufnahmebereiten Zustand, atme tief und erlebe den Moment jenseits von Zeit und Dualität.

Letztendlich sind dies Techniken, um Trance zu induzieren. Die Todesstellung, die Spare anstrebte, war also ein spezielles Tranceerlebnis, das mit Erschöpfung, Nicht-Widerstand und Ekstase einherging. Allerdings möchte ich hier gerne anmerken, daß gerade die zweite Übung sehr schnell auch zu einem Zustand der Gefühllosigkeit führen kann. In Trance sein - jedoch ohne Gefühl - führt aber leider nicht zu Ekstase. Darum empfehle ich denen, die diesen Zustand erreichen wollen, andere und bessere Tranceinduktionen zu nutzen.

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Sigillen - die Psychologie des Glaubens - Magische Besessenheit

Magie ist die Zurückführung der Fähigkeiten zu Einfachheit, um sie durch Lenkung aufs neue anzuwenden, ohne nach Gewinn zu streben, dennoch oftmals von Erfolg gekrönt.

Sigillen sind die Kunst des Glaubens, meine Erfindung, um den Glauben organisch zu machen, ergo, zu wahrem Glauben!

Spare nennt einen Glauben, der fest im Unbewußten verankert ist, auch einen organischen Glauben. Er ist also ein fester Bestandteil unseres Seins, der sich nicht durch einfaches Überlegen oder eine gedankliche Entscheidung abstreifen läßt. Genauso schwierig ist es, neue Glaubenssätze in sein Wesen zu integrieren. Denn wenn der bereits vorhandene organische Glaube, der sich durch Gesellschaft, Religion, Politik etc. im Unbewußten verankert hat, dem Wunsch bzw. dem neuen Glauben entgegensteht, kann dieser sich nicht in das Unbewußte einfügen. Hoffnung und das 'so Tun als ob' können den Wunsch nicht erfüllen, solange der organische und unbewußte Glaube ihm entgegensteht. Wünschen ist nicht bewußtes Wollen, denn dies zieht die Erfüllung des Wunsches nicht an. Beschäftigt man sich bewußt mit dem Wunsch, so entstehen Angst und Zweifel, die die Kraft des Wunsches mindern. Darum fordert Spare dazu auf, den Wunsch unbewußt zu machen und unbewußt und im Nicht-Widerstand zu halten, bis er gereift ist.

Wenn man also einen Wunsch zu einem neuen organischen Glauben werden lassen möchte, dann ist hierfür die Sigillenmagie das geeignete Mittel. Man warte, bis ein kraftvoller Wunsch erscheint, und weihe diesen Wunsch dem ursprünglichen Verlangen, dem Wünschen und Sehnen des Selbst, des Kia. Man fühle seinen Wunsch und warte, bis ein Glaube auftritt, der ihm entgegensteht und Angst und Zweifel bringt. Dann fühle man die Enttäuschung darüber, daß der Wunsch durch diesen entgegenstehenden Glauben nicht in Erfüllung gehen kann. Diese Enttäuschung, die dem alten Glauben entspringt, wird ihn letztendlich entkräften. Darum soll man sie in einer Sigille mit seinem Wunsch verbinden.

Das Herstellen einer solchen Sigille ist denkbar einfach und bedarf keiner künstlerischen Fähigkeiten. Es reicht z.B., den Wunsch in einem kurzen Satz aufzuschreiben und die Buchstaben ineinander und aneinander zu setzen, so daß daraus ein Bild oder ein Zeichen wird, in dem man nur noch durch sehr genaues Hingucken alle Buchstaben entdecken kann. Man kann dieses Zeichen danach auch vereinfach oder stilisieren, je nachdem, wie verspielt man ist. Die Sigille sollte in ihrer Form und Gestalt letztendlich nicht mehr an ihren Inhalt erinnern, damit das Bewußtsein beim Wirken der Magie nicht anfängt, über den Wunsch nachzudenken.

Hat man seinen Wunsch also in eine Sigille gegossen, dann ist es Zeit, den magischen Moment aufzusuchen, also einen Zustand der Leere herzustellen. Dies kann man durch die Todesstellung erreichen, aber auch durch andere Erschöpfungszustände, die man durch große körperliche und geistige Anstrengung erreicht. Spare sagt, daß nur in diesem Zustand geistiger Leere der neue Glaube durch die Sigille organisch werden kann. Man soll die Sigille visualisieren, bis die Ekstase einsetzt und man den Nektar des Lebens, das Elixir der Sonne und des Mondes trinkt. Wahrlich, so stiehlst du das Feuer vom Himmel!

Wichtig dabei ist, so Spare, daß man zum magischen Zeitpunkt zwar die Sigille visualisiert, aber nicht bewußt über ihren Inhalt nachdenkt, denn sonst entstehen sofort Vorstellungen und Erwartungen, die den freien Zugang zum Unbewußten und die freie Entfaltung des neuen Glaubens begrenzen. Allein das Unbewußte also weiß, wie es den neuen Glauben gestalten will, um ihn organsich werden zu lassen. Befindet man sich nicht im Zustand der Leere, dann soll man den Gedanken an die Sigille möglichst verdrängen, denn dann besteht ja noch mehr die Gefahr, daß man sich bewußt mit dem Wunsch beschäftigt. Die Sigille und damit der Wunsch soll aber im Unbewußten möglichst unbeeinflußt heranreifen.

Es ist auch förderlich, die Sigille immer wieder zu einem magischen Zeitpunkt zu visualisieren, denn so kann sie zu einer unbewußten Besessenheit werden. Wird der Wunsch oder der neue Glaube organisch, so manifestiert er sich entweder als Besessenheit, also als Macht, oder als Erleuchtung, also als Wissen. Er findet seinen Weg zurück ins Bewußtsein durch Erfahrungen und Handlungen, aber auch durch Bilder, Assoziationen und Erinnerungen. Da diese Bilder oft symbolisch sind (wie auch in Träumen), müssen sie allerdings zurückübersetzt werden in die Sprache des Bewußtseins, damit man das neue Wissen auch bewußt einsetzen kann.

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Mein Blog: Musenselig Sirenenberauscht - Verborgene Gärten der Sehnenden Lust

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