Zos Kia - Eine Meditation

Zos Kia - Eine Meditation

Beitragvon Xephyr » So 23. Okt 2011, 12:37

Zur heutigen Meditation begeben wir uns an den nächstgelegenen heiligen Fluß, zum Beispiel den Jordan. Wir suchen uns nun eine etwas abgelegene und ruhige Stelle und waten dort soweit in das Wasser, bis es uns in etwa bis zum Solarplexus reicht. Jetzt lassen wir den linken Arm locker ins Wasser hängen und erheben den rechten Arm zum Himmel. Wir intonieren:

"iiiiiiiiiii"
"aaaaaaaaaaa"
"eueueueueue"
"ooooooooooo"

Während der Adept im Geist den Anguepeden IAO imaginiert (wer nicht weiß wie man imaginiert, sollte den Jordan jetzt _schleunigst_ verlassen!!), wandert sein Blick langsam hinunter zum im Wasser hängenden linken Arm. Es folgt nun eine stille Betrachtung der physikalischen Phänomene Reflektion und Refraktion. Die Reflektion bildet den Arm in seiner Spiegelung erneut auf der Oberfläche des Wassers ab. Die Refraktion erzeugt unter der Wasseroberfläche einen zweiten linken Arm, der in einem bestimmten Winkel (Brechungsindex bei Wasser ist 1,333) vom ersten Arm absteht. Es folgt nun eine kurze Andacht für mehrarmige indische Gottheiten sowie ein gutes Gefühl darüber, daß man sich jahrelang mit Kabbalah und volumetrischer Lichtbrechung beschäftigt hat.

Zu diesem Zeitpunkt verklingen die letzten Vokale der Intonation und Stille kehrt ein. Der Adept macht sich bewußt, daß alle alten Schriften, das Althebräische, das Altarabische und das Ägyptische, keine Vokale besaßen, also reine Konsonantenschriften waren. "IAO" ist ein Gottesname, der sich nur sprechen ließ, aber niemals schreiben. "YHVH" ist ein Gottesname, der sich nur schreiben ließ, aber niemals sprechen.

Schaudernd (es ist ziemlich kalt im Fluß) wird sich der Adept darüber klar, daß Magie immer nur in der "Anderswelt" funktioniert und das "Andere" niemals unabhängig vom jeweiligen Raum und der jeweiligen Zeit sein kann. Magie bewegt sich von den bestehenden kulturellen und persönlichen Gegebenheiten aus über die Grenze des Machbaren hinweg zur Unmöglichkeit. Magie ist abhängig von Raum und Zeit und wenn man die Bezugssysteme ändert, dann funktioniert Magie nur noch, wenn man sich an die neuen Gegebenheiten des Machbaren und des Unmöglichen entsprechend anpasst.

In einer Zeit, in der die Menschen vor Einbildungskraft nur so strotzten, ließe sich keine Magie über Imagination erreichen. Und schon gar nicht bei Menschen, die Künstler sind. Wie Spare zum Beispiel. Austin Osman Spare mußte seine Imagination auslöschen, um dann zum "Kia" zu gelangen, dem Ort der völligen Gedankenleere und er hat das getan, indem er jede Manifestation seiner Imagination abtötete. Wenn sich also "schwarz" in seinen Gedanken abbildete, so wußte er, daß die Dualität der Refraktion einen Begriff "weiß" erzeugt. Also dachte er: "weder scharz, weder weiß". Dieser Gedanke erzeugt eine neue Refraktion, sagen wir "grau". Also: "weder schwarz, weder weiß, weder grau". Natürlich müssen alle Farben ebenfalls ausgeschlossen werden, alle Dualitäten und Refraktionen. Man kann sich das so vorstellen, daß Spare von Malkuth aus nach oben schaute und dort den leuchtenden Farbbrunnen des Lebensbaumes sah, der ihm aber eher vorkam wie ein vielarmiger Polyp, der ihn umschlang. Spare fing nun an, Stück für Stück, den Lebensbaum emporzuklettern und dabei jede Sephira zu löschen, indem er ihm "neither - neither" entgegenrief um dann - der Letzte macht das Licht aus! - völlig erschöpft bei Kia = 0 in "Todesstellung" auf sein Bett zu sinken. Spare war der Typ, der formuliert hätte: "Magie funktioniert nur, wenn du in einen Raum gelangst, wo nichts wohnt. Und sei es auch nur für 15 Sekunden."

Der Jordan kann ein verdammt kalter Fluß um diese Jahreszeit sein und wenn man nicht aufpasst, dann friert man sich echt was ab. Also mach ich's kurz: Leute, die keine Imaginationskraft haben, sollten sich gut überlegen ob sie ihre Imagination jahrelang trainieren, nur um auf die Spare'sche Magie zu passen und dann jahrelang ihre hart erkämpfte Imagination wieder zu bekämpfen. Der Schlüssel für einen eigenen passenden Angang an Magie heißt: "Tu das Ungewöhnliche, das Unerwartete, das Unmögliche!"

Das was heute an Zos Kia funktioniert, sind die Sigillen und das tun sie nur deshalb, weil sie unseren heutzutage toten Buchstaben zu Leben verhelfen, sie zu eigenständigen Lebensformen werden lassen. Allerdings zählt diese Form der Magie damit zur Dämonologie; wer es wagt eine solche Kreatur einfach zu "vergessen", der handelt wie jemand, der den Bannkreis um einen Dämonen wegwischt und danach seinen Kopf in den Sand steckt.

Die Zeiten ändern sich schnell - und ebenso schnell ändern sich die Gegebenheiten der Magie. Bevor man wie ein Magier handelt, sollte man gelernt haben wie ein Magier zu denken.

Hat jemand ein Handtuch? Mich fröstelt's.


Xephyr

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