Nur ein Traum?

Nur ein Traum?

Beitragvon Xephyr » Fr 5. Nov 2010, 15:47

"Kein Taucher kann die Liebe bergen,
Wenn sie gesunken ist, Felise, Schönste,
In dieses kalte Meer."
[A.C. Swinburne, Felise]

Meist erweist sich ja der erste Eindruck später als die Wahrheit. Sowas lehrt uns das Leben. Hinter den Vorhang zu sehen, bedeutet die Rückseite des Spiegels zu erforschen und die Rückseite des Spiegels birgt keine Antworten, sondern gestrichenes Glas. Was haben wir denn erwartet als wir hinter den Spiegel schauten? Ein magisches Theater der Seele etwa, mit Millionen von Requisiten und Schauspielern, stets bereit uns und unsere Welt nachzuahmen? Möglicherweise war das irgendwann ja einmal wirklich unsere Vermutung. Sozusagen unser erster Eindruck. Aber wir sind in einer Welt der Aufklärer aufgewachsen und da hieß es: Kind, das ist doch NUR ein Spiegel, das ist NUR ein Regenbogen und das ist NUR ein Traum gewesen!

Nur ein Traum? Aha.

Es hat einige Zeit gedauert bis ich bemerkt hatte wie wichtig es war, meine Träume vor Aufklärern zu schützen. Zu dieser Zeit hatte ich schon längst aufgehört zu träumen. Meine Träume waren einfach verschwunden. Wegerklärt. Und um mich herum lagen die Scherben meiner zertrümmerten Seelen-Spiegel.

Und hinter mir lag die Stadt der Pyramiden. Eine Nacht am Uferstrand, Palmen, linde Luft. Ich stehe mit nackten Füßen im farbigen Sand, überspült von den Ausläufern der Wellen, die den fast waagerechten Strand mit einem Film Wasser bedecken. Die Wolkendecke, eben noch dunkel und dicht, wird lichter und reißt auf. Ich schaue nach oben und verliere mich in einem unendlichen Kosmos von Sternen. Nicht mehr steht der Wanderer an einem Strand, sondern ich stehe plötzlich mitten im Weltall und der Wasserfilm zu meinen Füßen widerspiegelt getreulich das Abbild des Himmelgewölbes über mir. Trunken stehe ich da, ein Stern unter Sternen, ein Gedankenfunken in der Milchstraße der Seele.

Am Ende ist das was am Anfang immer sein wird: Der Geist der sich durch seine Veränderungen und Transformationen in seinem eigenen Bewußtsein wiederspiegelt, und der Fokus dieser Widerspiegelungen ist es, was sich MENSCH nennt. MENSCH ist der Name des Gebildes, mit dem sich der Geist selber erkennt. Mensch hat viele Daseinsformen und Daseinspfade. Mensch ist die ursprüngliche Faltung des Bewußtseinsgebildes des Einen, eine Faltung des unendlich klaren, leuchtenden und reflektierenden Gebildes auf sich selbst. Mit dem Eintreten dieser Faltung ensteht das Phänomen der unendlichen Widerspiegelung, manche nennen es Maya.

Das Bewußtsein verirrt sich leicht in den Korridoren der unendlichen In-Sich-Selbst-Spiegelung, und kristallisiert sich in zwei dualen Formen, das was sich der menschliche Geist nennt und die Gesetze der Natur, der Schwerkraft und der Entropie: "Oh wisset, ihr die ihr wissen wollt, ihr, die ihr der Freiheit des Geistes nachtrauert, wenn ihr euch in euren Leibern gefangen seht, wisset um die Gesetze der Bindung und der Befreiung, der Formung, Erhaltung und Auflösung. Du spielst das Spiel, und du kannst, wenn du willst, das Spiel spielen, daß du weißt, daß du ein Spiel spielst. Dies ist sowohl die Erzeugung von Maya als auch ihre Auflösung!"

Und ich stehe mitten im Kosmos, die laue Luft umweht meine Haut ...

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Xephyr
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So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
Heil dem Meere! Heil den Wogen,
Von dem heilgen Feuer umzogen!
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltnen Abenteuer!

Heil den mildgewogenen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element' ihr alle vier!
[Aus: Faust II]
A.D.A. - Publikation der Klasse [E] von X°=XEPHYR
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